Biografische Daten:
Kurzbiografie:
-20006.09.1875: Geboren in Freiburg i. Br. 1893: Abitur 1894 - 1898: Studium (Jura) in Fribourg/CH, Mnchen, Kiel und Freiburg i. Br. 1898: I. juristisches Staatsexamen in Freiburg i. Br. 1898 - 1902: Rechtsassessor in badischen Diensten 1902: II. juristisches Staatsexamen in Freiburg i. Br. 1903: Promotion an der Universitt Freiburg i. Br. (Doktorvater: Rmelin): 1 des badischen Gesetzes betreffend die berleitung der ehelichen Gterstnde des lteren Rechts in das Reichsrecht vom 4.8.1902. Eintritt in den diplomatischen Dienst des Auswrtigen Amts 1916 - 1919: Britische Kriegsgefangenschaft 1923: Versetzung in den einstweiligen Ruhestand Seit 1925: Publizistische Ttigkeit 1925 - 1927: Direktor des Zentrumsorgans Germania ab 1927: Selbstndiger Wirtschaftsberater 18.07.1933: Endgltige Versetzung in den Ruhestand 5.07.1943: Verhaftung durch die Gestapo, Inhaftierung in Berlin bzw. Ravensbrck 23.04.1945: Aberkennung des Beamtenstatus
Biografie:
Nach dem Abitur absolvierte Kuenzer als Einjhrig-Freiwilliger seinen Militrdienst. Es folgte ein Jura-Studium in Fribourg/CH, Mnchen, Kiel und Freiburg i. Br. Danach trat er als Rechtsassessor in den badischen Staatsdienst. Bereits nach seinem zweiten Staatsexamen bewarb er sich fr den Dienst im Auswrtigen Amt der Reichsregierung. Zuvor jedoch promovierte er und absolvierte eine kaufmnnische Zusatzausbildung in Frankfurt. Im Jahr 1904 begann seine Laufbahn als Diplomat, die ihn in den folgenden zwei Jahrzehnten in mehrere europische und auereuropische Lnder fhrte. Er war Konsul in Paris, Kapstadt, Johannesburg und Sansibar. Dann brachte der Ausbruch des I. Weltkriegs den ersten tiefen Einschnitt in seinem Leben. Im Frhjahr 1916 wurde Kuenzer, der zu diesem Zeitpunkt in diplomatischer Funktion in Bulgarien weilte, whrend einer Zugreise durch Griechenland von britischem Militr verhaftet. Die nchsten drei Jahre wurde er gefangen gehalten, meist auf der Insel Malta. Sein Protest gegen rechtswidrige Anordnungen brachte ihm zahlreiche Repressalien ein, durch die auch seine Gesundheit schweren Schaden nahm. Erst 1919 kehrte er aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause zurck.
Es bedeutete fr den leidenschaftlichen Diplomaten eine beraus enttuschende Erfahrung, dass das Auswrtige Amt nach dem Krieg nicht dazu bereit war, ihm wieder eine angemessene Stellung anzubieten. Nachdem schlielich auch Plne, ihn nach Washington zu beordern, im Sande verliefen, versetzte ihn das Auenministerium am 9. September 1923 in den vorlufigen Ruhestand. Kuenzer wohnte nun zeitweilig wieder in seiner Heimatstadt. Nach seiner Heirat leitete er seine zweite berufliche Karriere in die Wege, nunmehr im Rahmen der Partei des politischen Katholizismus und wurde in Berlin Politischer Direktor beim mageblichen Nachrichtenorgan des Zentrums, der Tageszeitung Germania. Der religis geprgte Kuenzer sah sich in diesen Zeiten einer persnlichen Umorientierung vollkommen auf dem sittlichen Boden der katholischen Kirche stehend. Politisch wollte sich der berzeugte Republikaner dem linken Flgel des Zentrums zurechnen. Nach heftigen Auseinandersetzungen mit Franz von Papen, der die Germania politisch auf Rechtskurs bringen wollte, beendete Kuenzer jedoch bereits im September 1927 diese Ttigkeit und arbeitete fortan als Wirtschaftsexperte fr verschiedene Unternehmen sowie seit 1931 als selbstndiger Devisenberater. Hinzu kam von 1925 bis 1930 die Ttigkeit als Herausgeber der Zeitschrift Abendland. Innerhalb des Zentrums galt Kuenzer als Experte fr auenpolitische Fragen. Er war ein Befrworter einer europischen Verstndigungs- und Einigungspolitik und untersttzte die neue Vision der Vereinigten Staaten von Europa. Eine so ausgerichtete Friedenspolitik versuchte Kuenzer in diesen Jahren durch vielfltige Initiativen in die Tat umzusetzen. Nicht ohne Kritik aus prominenten Zentrumskreisen trat Kuenzer im Rahmen seiner Ttigkeit im Friedensbund Deutscher Katholiken auch engagiert fr die deutsch-franzsische und deutsch-polnische Verstndigung ein. Es liegt auf der Hand, dass die vielfltigen Friedensbemhungen Kuenzers den Interessen der NS-Machthaber zuwider liefen und sie den unliebsamen Politiker aus dem Dienst drngten. Seine lang whrende Vakanz vom diplomatischen Dienst sowie sein klares Bekenntnis zum Zentrum bewirkten ein briges, dass der 57jhrige im Juli 1933 endgltig in den Ruhestand geschickt wurde.
Seit Beginn des Dritten Reichs stellte sich der bekennende Katholik dann auch den neuen Machthabern mehr als kritisch gegenber. 1935 kam er zum ersten Mal in grere Konflikte mit dem NS-Unterdrckungsapparat. Unvorsichtigerweise hatte sich Kuenzer bei einer Abendgesellschaft im Beisein eines NSDAP-Mitglieds in abflliger Weise ber den Gtzendienst fr Hitler geuert. Der Denunziation durch den Parteigenossen folgten Ermittlungen, und es war wohl nur der Frsprache eines ehemaligen Kollegen im Auswrtigen Amt zu verdanken, dass Kuenzer zu diesem Zeitpunkt noch einmal ungestraft davonkam. Weitere Anzeigen, sogar aus den Reihen der eigenen Hausangestellten, folgten und machten Kuenzer bei der Gestapo verdchtig. Sptestens seit der zweiten Hlfte der 1930er Jahre stand Kuenzer in Kontakt mit mehreren Widerstandskreisen. So hatte er Kenntnis ber die Umsturzplne fhrender Militrs whrend der Sudetenkrise 1938. Ein Jahr spter stellte Kuenzer fr die Gruppe um Beppo Rmer ein wichtiges Verbindungsglied zu diplomatischen Kreisen dar. Besondere Mglichkeiten erffneten sich ihm, als er in den Jahren 1940/41 noch einmal beauftragt wurde, verschiedene Kurierreisen fr das Auswrtige Amt zu unternehmen. Er ntzte seine Auslandsaufenthalte nicht zuletzt dazu, den Kontakt zum ehemaligen Reichskanzler und Regimegegner Joseph Wirth in dessen Schweizer Exil aufrechtzuerhalten. ber den wrttembergischen Staatsprsidenten Eugen Bolz bestand schlielich sptestens seit 1941 auch eine Verbindung zu den Kreisen um Carl Friedrich Goerdeler. Die wichtigste Gruppe, der Kuenzer in dieser Zeit angehrte, war der sogenannte Solf-Kreis in Berlin. Im Hause von Johanna Solf, der Witwe des einstigen deutschen Auenministers Wilhelm Solf, trafen sich vor allem ehemalige Staatsbeamte, um ber die politischen Verhltnisse und die Chancen fr eine Beendigung des NS-Regimes zu diskutieren. Auerdem leisteten die einzelnen Mitglieder tatkrftige Hilfe, Juden die Ausreise aus Deutschland zu ermglichen. Kuenzer galt als der eigentliche Kopf dieser Zusammenknfte.
Zum Verhngnis wurde Kuenzer seine Bekanntschaft mit dem katholischen Priester Max Josef Metzger, mit dem er ebenfalls im Hause Solf zusammengetroffen war. Die Gestapo hatte Metzger am 30. Juni 1943 verhaftet, weil dieser sich mit einem Friedensmemorandum an das Ausland wenden wollte, was von einer Agentin verraten worden war. Whrend der nun folgenden Verhre kam Metzger auf Kuenzer zu sprechen, der eine Woche nach Metzger, am 5. Juli 1943, festgenommen wurde. Bis zum Februar 1944 war Kuenzer im Hausgefngnis der Gestapo in der Prinz-Albrecht-Strae in Haft. Die mehrfachen mndlichen und schriftlichen Auslassungen seines geistlichen Bekannten ber dessen Kontakte zum Solf-Kreis und zu seiner Person konnten sich nur negativ auswirken, hatte Metzger doch die Strategie gewhlt, sich eindeutig von den aktivistischen Gedanken (Metzger) des Solf-Kreises zu distanzieren. Nachdem im Januar 1944 durch Verrat eines Spitzels auch die brigen Mitglieder dieser Gruppe verhaftet worden waren, wurde Kuenzer gemeinsam mit diesen im Gefngnisbau des Konzentrationslagers Ravensbrck inhaftiert. Dort und in der nahe gelegenen Sicherheitspolizeischule Drgen bei Frstenberg wurde er von nun an mehrfach unter Folter verhrt. Zwei Ravensbrcker Mithftlinge und gute Bekannte Kuenzers, Hanna Kiep und Lagi Ballestrem-Solf, aber auch die sptere Ordensschwester Isa Vermehren berichteten spter von den grausamen Zchtigungen, unter denen der alte Mann damals zu leiden hatte.
Nach dem Attentat auf Hitler wurde Kuenzer auch mit den Verschwrerkreisen vom 20. Mai 1944 in Verbindung gebracht; man beschuldigte ihn, da er auch gut mit dem nach der Aktion verhafteten Franz Kempner bekannt war, er habe mit einem gewissen Fanatismus einem christlichen Gemeinschaftsleben das Wort geredet und dabei das NS-Regime als ein groes Hindernis zum Frieden betrachtet. Durch seine zahlreichen Kontakte war Kuenzer in den Augen der NS-Behrden gleich mehrfach belastet. Seine Frau Gerda wurde im August 1944 in Potsdam in Sippenhaft genommen. Doch solche Repressalien konnten ihn nicht zum Einlenken bewegen. Bemerkenswerte Widerstandskraft bewies Kuenzer nicht zuletzt dadurch, dass er sogar noch whrend seiner Haftzeit ein fr die Zeit nach dem NS-Regime gedachtes Manifest verfasste, in dem er Hitler jegliche Fhigkeit als Staatsmann absprach. Im Oktober 1944 wurde Kuenzer wieder nach Berlin verlegt. Dort sollte er im Zellengefngnis Moabit in der Lehrter Strae auf den Prozess vor dem Volksgerichtshof warten, der gegen ihn und weitere fnf Mitglieder des Solf-Kreises fr den 13. Dezember 1944 angesetzt war. Erneut kam es zu brutalen Folterungen, fr die u. a. der Gestapo-Kommissar F. X. Sonderegger mit verantwortlich war. Die Aufnahme der Verhandlung war schon wiederholt vertagt worden, als am 3. Februar 1945 Volksgerichtshofsprsident Freisler bei einem Luftangriff umkam. Daraufhin wurde ein neuer Termin fr den 27. April 1945 festgesetzt. Doch zu einem Prozess kam es nicht mehr. Whrend bereits die Kmpfe um Berlin tobten, wurden - wahrscheinlich auf Befehl Himmlers - in der Nacht vom 22. auf den 23. April 1945 insgesamt 16 Hftlinge von einem SS-Kommando aus ihren Zellen geholt. Unter der Vorgabe, dass man sie entlassen wolle, wurden die ahnungslosen Mnner auf ein nahe gelegenes, zerbombtes Ausstellungsgelnde gebracht. Um ein Uhr nachts wurde Kuenzer schlielich zusammen mit den anderen Hftlingen durch Genickschuss umgebracht. Allein der Hftling Herbert Kosney berlebte dieses Massaker und hat die Ereignisse dieser Schreckensnacht berliefert. Kuenzer wurde zusammen mit sieben weiteren Opfern des Massakers sowie anderen Toten erst am 5. oder 6. Mai 1945 heimlich in einem Massengrab auf dem nahe gelegenen Dorotheenstdtischen Friedhof beerdigt. Auf dem Grab erinnert heute eine Gedenktafel an diese Opfer der letzten Kriegstage.
Zitiert aus: Schellinger, Uwe. Kuenzer, Richard. in: Sepainter, F. L. (2005). Badische Biografien - Neue Folge Band V: Im Auftrag der Kommission fr geschichtliche Landeskunde in Baden-Wrttemberg. W. Kohlhammer Verlag Stuttgart.
Bestandsgeschichte: Der Nachlass wurde im Mrz 2020 dem Stadtarchiv bergeben. Bereits zuvor wurde der Briefnachlass durch Friederike Hoffman-Klein ausgewertet, die Forschungsergebnisse wurden 2019 im Schau-ins-Land Nr. 138 verffentlicht (s. Literaturliste).
Bearbeiterbericht: Der Briefnachlass wurde im Dezember 2023 durch Archivoberinspektor Dominique Maurice Frings in ACTApro verzeichnet. Dabei wurde der Bestand grob erschlossen. Es wird empfohlen die Briefe wie Frau Hoffmann-Klein zu zitieren, also nach Korrespondenzpartner und Datum.
Verweise und Literatur:
-200HOFFMANN-KLEIN, FRIEDERIKE: Richard Kuenzer Widerstand aus christlichem Geist. Seine Privatkorrespondenz 1888 bis 1945, S. 87-113 in: Zeitschrift Schau-ins-Land des Breisgau-Geschichtsvereins Nr. 138 (2019) Uwe Schellinger, Tod eines "Friedensschtigen". Zur Biographie von Dr. Richard Kuenzer (1875-1945), in: Freiburger Dizesan-Archiv 119 (1999) 427-437 Uwe Schellinger: Art. Kuenzer, Richard (1875-1945), in: Badische Biographien NF V (2005), S. 165-167
Freiburg, den 09.01.2024
Dominique Maurice Frings
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